|
|
Hier gibt es zur Zeit nur einen Text. Dabei handelt es sich um einen Vortrag von Christoph Butterwegge auf dem Hearing 2003. Auf den webpages der Mitgliedsgruppen finden sich weitere interessante Texte.
Christoph
Butterwegge Globalisierung, Neoliberalismus und Privatisierung – eine Gefahr Wenn man ihn nicht ökonomistisch verkürzt, bezeichnet der Terminus „Globalisierung“ allgemein einen Prozess, welcher national(staatlich)e Grenzen überwindet, zur Ausweitung bzw. Intensivierung der sozialen Beziehungen führt und schließlich den gesamten Planeten umspannt. Die wirtschaftliche Globalisierung betrifft vor allem das Finanzkapital, Geld- und Kapitalmärkte sowie Handelsströme. Die neue Qualität der ökonomischen Globalisierung gegenüber allen vorangegangenen Tendenzen zur Internationalisierung der Produktion, des Handels und des Kapitals besteht darin, dass sich dieses aufgrund der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien in Sekundenbruchteilen und wegen der Liberalisierung des Kapitalverkehrs ohne staatliche Kontrollen über den gesamten Erdball bewegt, durch transnationale Konzerne, grenzüberschreitende Fusionen bzw. strategische Allianzen in bisher unbekannte Dimensionen vorstößt und durch Spekulationen auf explosionsartig wachsenden Finanzmärkten gigantische Gewinne (oder Verluste) macht, ohne realwirtschaftlich gedeckt zu sein. Was als naturwüchsiger Prozess erscheint, der die Bundesrepublik – genauso wie andere Länder des industrialisierten Westens – zwingt, ihre Lohn- bzw. Lohnnebenkosten und Sozialleistungen zu senken, um konkurrenzfähig zu bleiben oder zu werden, basiert auf wirtschafts-, währungs- und finanzpolitischen Weichenstellungen der mächtigsten Industriestaaten, die nach dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods 1973 unter dem wachsenden Gewicht der Neoklassik bzw. des Neoliberalismus versuchten, das Kapital von all seinen Fesseln zu befreien. Neoliberalismus war zunächst eine Wirtschaftstheorie, aus der sich später eine Sozialphilosophie entwickelte, welche den Staat und die gesamte Gesellschaft aus Effizienzgründen nach dem Modell der Leistungskonkurrenz (um)gestalten will, wobei ihr der Markt zu einem wahren Mythos und der Wettbewerb zwischen den Wirtschaftssubjekten zu einem Wundermittel für die Lösung aller sozialen Probleme gerät. Die neoliberale Ideologie wirkt deshalb so überzeugend, weil sie in sich schlüssig, aber nicht sehr kompliziert ist und der Funktionslogik des bestehenden Wirtschaftssystems entspricht, das seit dem Bankrott des Staatssozialismus alternativlos erscheint. In der Form, die sie heute angenommen hat, ist „Globalisierung“ das Werk neoliberaler Ökonomen, liberalkonservativer Politiker und wirtschaftlicher Interessengruppen. Neoliberale machen heute den Sozialstaat für sämtliche Übel und Missstände verantwortlich, die es ihrer Ansicht nach in modernen Gesellschaften gibt, sei es die Massenarbeitslosigkeit, die Krise der Familie oder die Überalterung. Selbst ultraliberale Ökonomen leugnen allerdings nicht, dass ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit nötig ist, um das Abgleiten der Menschheit in Anomie und Chaos zu verhindern. Seinen neoliberalen Kritikern erscheint der (nordwest)europäische Wohlfahrtsstaat, wie wir ihn seit dem Zweiten Weltkrieg kennen, als von der ökonomisch-technologischen Entwicklung überholt, als Hemmschuh der Wettbewerbsfähigkeit und moderner Dinosaurier, der ins Museum der Altertümer gehört – neben das Spinnrad und die bronzene Axt. Neoliberale konstruieren einen Zusammenhang zwischen Wachstumsschwächen, Beschäftigungskrisen und Wettbewerbsnachteilen, ohne jedoch die Spielräume und Handlungsalternativen der Regierungen (etwa im Bereich der supranationalen Koordination und Kooperation) zu berücksichtigen. Wenn man bedenkt, wie kontinuierlich das deutsche Bruttoinlandsprodukt bei fast stabilen Preisen wächst, dass die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik stagniert oder längerfristig zurückgeht und dass die Sozialleistungsquote trotz der außergewöhnlichen Belastung durch die Wiedervereinigung und einer erheblich höheren Arbeitslosenquote heute niedriger ist als vor einem Vierteljahrhundert, kann von einem „überbordenden“ Wohlfahrtsstaat ernsthaft genauso wenig die Rede sein wie von einer Überforderung der Volkswirtschaft. Was sich in dem genannten Zeitraum – zu Gunsten von Grundeigentümern, Kapitalbesitzern, Selbstständigen und Spitzenverdienern, aber zu Ungunsten von Arbeitnehmer(inne)n, Erwerbslosen und Rentner(inne)n – spürbar verändert hat, ist die Verteilung des Volkseinkommens. „Standortsicherung“ kehrt das Verhältnis von Ökonomie und (Sozial-)Politik, die mediatisiert und zur abhängigen Variablen der Volkswirtschaft degradiert wird, um. In den Mittelpunkt politischen Handelns rückt die (angeblich) bedrohte Wettbewerbsfähigkeit des „Industriestandortes D“. Auf der neoliberalen Agenda steht weniger, vor allem jedoch ein anderer Staat. Es geht ihr keineswegs um die Liquidation des Sozialstaates, vielmehr um seine Reorganisation nach einem marktradikalen Konzept, d.h. um seine Transformation zum „nationalen Wettbewerbsstaat“ (Joachim Hirsch), der geeigneter sein soll, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zu fördern. Von einer sich verschärfenden Weltmarktkonkurrenz ausgehend, fordern Ultraliberale, die gefährdete Wettbewerbsfähigkeit des „eigenen“ Wirtschaftsstandortes durch eine drastische Senkung der Löhne, Lohnnebenkosten und Sozialleistungen zu erhöhen. Gleichheit und Freiheit, Ergebnisgleichheit und Leistungsgerechtigkeit, Vollbeschäftigung und Lohnnivellierung schließen sich demnach aus. Nicht nur die Konkurrenz zwischen den Wirtschaftssubjekten, sondern auch ihr Resultat wird geradezu idealisiert: Gewinner steigern ihr Einkommen und ihr Vermögen, Verlierer bleiben auf der Strecke und fallen der Privatwohltätigkeit engagierter Mitbürger/innen anheim. Marktmechanismen und Konkurrenzbeziehungen halten Einzug auch in Gesellschaftsbereiche, die – wie etwa das Bildungssystem – davon bisher weitgehend frei waren oder – wie etwa das Sozial- und Gesundheitswesen – gar ein Gegengewicht hierzu gebildet hatten. Durch die Anwendung betriebswirtschaftlicher Managementmethoden, häufig unter dem „Diktat leerer Kassen“ begonnen, jedoch als Reformmaßnahme deklariert und von wohl klingenden Etiketten (z.B. „Neues Steuerungsmodell“, „Qualitätssicherung“, „Leistungs-“ oder „Kundenorientierung“) begleitet, wurden Einsparreserven und Rationalisierungspotenziale auch dort genutzt, wo sie einem humanen Umgang mit sozial Benachteiligten und Behinderten dienten. Der „schlanke Staat“ des Neoliberalismus ist keineswegs frei von bürokratischen Auswüchsen – im Gegenteil: Für Leistungskontrollen, Evaluationsbürokratien und „Marktpflege“ werden mehr Sach- und Personalmittel benötigt als vorher. Überhaupt ist der neoliberale Minimal- bzw. Residualstaat eher Kriminal- als Sozialstaat, weil ihn die Reduktion der Wohlfahrt zur Repression gegenüber den Personengruppen zwingt, die als Modernisierungs- bzw. Globalisierungsverlierer/innen in erster Linie zu Opfern seiner rückwärts gerichteten „Reformpolitik“ werden. Zuerst werden die Bürgerrechte von Menschen angetastet, die sich als Leistungsempfänger/innen ohnehin in einer prekären Situation und einer ausgesprochen schwachen Rechtsposition befinden. Deregulierung bedeutet nicht Verzicht auf staatliche Rahmensetzung, vielmehr deren Konzentration auf die Förderung des wirtschaftlichen Leistungswettbewerbs und der rentablen Kapitalverwertung. Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und -zeiten bringt für die Beschäftigten keine oder nur wenig Vorteile, weil sie sich den wirtschaftlichen Verwertungsbedingungen unterordnen müssen und nicht selbst bestimmen können, wann und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Privatisierung öffentlichen Eigentums und sozialer Dienstleistungen läuft auf Entpolitisierung, diese wiederum auf die Entdemokratisierung der Gesellschaft hinaus, weil nunmehr der Bourgeois jene Entscheidungen trifft, die eigentlich dem Citoyen bzw. dem Gemeinwesen und seinen gewählten Repräsentant(inn)en vorbehalten bleiben sollten. Handlungsmöglichkeiten des (Wohlfahrts-)Staates und Alternativen der Sozialpolitik: Gibt es Wege aus der „Globalisierungsfalle“? Da es im Zeichen der Globalisierung offenbar weniger und schlechter bezahlte Arbeit, aber mehr Armut gibt, muss sich der Wohlfahrtsstaat seiner beschäftigungspolitischen Verantwortung stellen (Verkürzung der Arbeitszeit, Schaffung eines öffentlich geförderten Beschäftigungssektors), für ausreichende Arbeitseinkommen sorgen (Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohnes, Senkung der Steuern für Geringverdiener/innen), das Versicherungssystem sukzessive von der Erwerbsarbeit entkoppeln (Umbau der Sozial- zu einer Volksversicherung, der alle erwachsenen Wohnbürger/innen angehören, mit allgemeiner Versicherungspflicht und staatlicher Subventionierung der Beiträge für Personen ohne ausreichendes Einkommen) und eine bedarfsorientierte Grundsicherung einführen. Entscheidend für die Realisierung einer sozialen Bürger- bzw. Zivilgesellschaft ist, ob es gelingt, das gesellschaftliche Klima im Rahmen einer politischen (Gegen-)Mobilisierung zu verbessern und eine neue Kultur der Solidarität zu entwickeln. Mag es auch nach den Terroranschlägen von New York und Washington am 11. September 2001, zum Teil heuchlerischen Reaktionen und einer seither noch mehr um sich greifenden Verkürzung des Sicherheitsbegriffs auf militärische Optionen, polizeiliche Interventionen und Geheimdienstaktionen schwerer sein, für demokratische Offenheit, Toleranz und Solidarität zu werben, so eröffnet doch dies allein Perspektiven für eine humane Gesellschaft, in der Mitmenschlichkeit und nicht der (Welt-)Markt das Zusammenleben bestimmt. Prof.
Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, leitet die Abteilung für
Politikwissenschaft an der Universität zu Köln Buchpublikationen des Autors zum Thema: Butterwegge, Christoph/Kutscha, Martin/Berghahn, Sabine (Hrsg.): Herrschaft des Marktes – Abschied vom Staat?, Folgen neoliberaler Modernisierung für Gesellschaft, Recht und Politik, Baden-Baden 1999 Butterwegge, Christoph: Wohlfahrtsstaat im Wandel. Probleme und Perspektiven der Sozialpolitik, 3. Aufl. Opladen 2001 Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Inegrations- und Minderheitenpolitik, 2. Aufl. Opladen 2003
|
||